Chatwelten von gestern und heute
Wir befinden uns Mitte oder Ende der 90er. Ein Drucker, nein, es ist ein Faxgerät mit Druckfunktion, arbeitet hart daran, Thermopapier von der Rolle zu drehen und zu bedrucken. Es verströmt einen Geruch im Raum, der viel Potenzial für Kopfschmerzen birgt.
Die Entscheidung fiel für das Faxgerät und gegen den Drucker, denn das Fax hatte keinen Toner und keine Tinte. Es bannte alleine durch Wärme Buchstaben aufs Papier, die, das wurde mir erst später bewusst, mit der Zeit verblassen und auf dem immer bräunlicher werdenden Papier langsam unsichtbar werden würden.
Ausgedruckt habe ich, seitenweise, Chatverläufe. Ich hatte erst kurz vorher entdeckt, dass es diese Form der Echtzeitkommunikation im Netz gab. Ein Netz, das noch neu für mich und sehr, sehr aufregend war.
Ich konnte mich im Browser in diese Chats einloggen, mir einen Namen geben und einfach losschreiben. Und das tat ich auch. Und ich fand das alles ziemlich cool. So cool, dass ich dachte, diese Chats müssten unbedingt archiviert, also ausgedruckt werden. Nun ja …
Mich hat diese Begeisterung nie ganz verlassen. Sie nahm Anfang der 2000er sogar noch einmal Fahrt auf, als ich etwas entdeckte, was noch viel cooler als Web-Chats war und was es sogar schon länger gab: IRC.
Internet Relay Chat
Mit einem IRC-Client konnte ich mich auf einem Server einwählen und dort Kanälen beitreten. Auch hier konnte ich mir einen Namen vergeben und wenn ich Glück hatte, wurde dieser nicht schon genutzt.
Die IRC-Programme, die ich damals nutzte, die liefen im Terminal. Ich weiß nicht mehr genau, ob sie schon farbigen Text hatten, aber das war auch egal. Die Tatsache, dass ich ein Linux-Terminal öffnen und darüber weltweit mit anderen Menschen chatten konnte, war unfassbar cool.
Diese Einschätzung teilte nicht jeder mit mir, was mir aber herzlich egal war. Mir gefiel das Ganze so sehr, dass ich während eines Praktikums sicherstellte, morgens meine Linux-Maschine hochzufahren, bevor ich in die Redaktion fuhr.
Dort angekommen, öffnete ich das Windows-"Terminal", loggte mich von dort auf meinem Linux-Rechner zuhause ein, um dort den IRC-Client zu starten und mich einzuwählen.
Damals betrieb ich ein Linux-Blog und -Podcast. Im Laufe der Zeit lernte ich andere Betreiber (hier kann ich mir das Gendern sparen) von Linuxseiten kennen und wir taten uns zusammen, versuchten eine Art Netzwerk aus diesen Seiten zu entwickeln und trafen uns im [[IRC]].
Den ganzen Tag über waren wir dort online, oftmals einfach idle, aber wir konnten jederzeit einfach etwas fragen oder loswerden, und irgendwann bekam man schon eine Antwort.
Später gab es immer mehr IRC-Bots, die halfen, Chats "besser" nutzen zu können. NickServ half dabei, den eigenen Nickname zu sichern, sodass niemand anderes ihn nutzen konnte. Und ChanServ tat eben dies für den eigenen IRC-Channel.
Ich begann, mit eigenen Bots zu experimentieren. Baute mir Perl-Scripte und ließ sie Quatsch machen. Das mochte ich damals schon gerne: Technologien zweckentfremden.
Unter Linux gab es die Vorläuferin heutiger LLMs: ELIZA. Ein Programm, welches Sprache imitierte. Das funktionierte für damalige Verhältnisse ziemlich gut, aus heutiger Sicht nur mäßig. Der Trick bestand im Grunde darin, aus einem Satz, der eingegeben wurde, eine Frage oder Nachfrage zu formulieren.
Einer meiner Perl-Bots las den Chat mit und leitete Nachrichten zufällig an [[ELIZA]] weiter, die daraufhin eine Antwort generierte, die mein Bot dann wiederum in den Chat schrieb.
Damit konnte ich einige meiner IRC-Freunde zumindest für ein paar Minuten täuschen.
Das war alles ganz cool und spaßig, und so entschlossen wir uns, dass zu unserem Linux-Blog-Netzwerk auch ein eigenes IRC-Netzwerk gehören sollte, und so betrieben wir einige Monate lang eigene IRC-Server.
Irgendwann wurden die Idle-Zeiten immer länger, Antworten kamen immer seltener und manch einen sah man schließlich gar nicht mehr im IRC. Bis auch ich irgendwann verschwand. Viele der damaligen Chatter kannte ich nur unter ihrem Nickname, könnte heute also nicht mal mehr sagen, was aus ihnen geworden ist.
Für mich löste Jabber/XMPP IRC ab und schließlich traten auch ICQ, MSN und später Skype ihren Siegeszug an. ICQ kenne ich noch aus den Zeiten, als Mirabilis es betrieb, woher auch das Logo stammte. Wenn ich recht überlege, muss es schon parallel zu IRC gelaufen sein.
Die modernen Erben von IRC sind wohl Slack und Discord. Sie weisen eigentlich alle IRC-Merkmale auf: die Kanäle, die @-Notation für User, private Nachrichten uvm.
Vor einigen Wochen stolperte ich über die Geschichte von IRC und war wieder vollkommen begeistert. Vieles davon fand lange vor meiner Internetzeit statt, ich habe gerade noch die letzten größeren Entwicklungen mitbekommen.
Wie es der Zufall so will, stieß ich dann vor einiger Zeit bei Mastodon auf den IRC-Channel von UberBlogr. Da musste ich natürlich reinschauen! Erst einmal musste ich herausfinden, ob es für Mac OS überhaupt noch taugliche IRC-Clients gibt, und habe mich für Halloy entschieden.
Ein paar Mal schaute ich im Channel vorbei und fand dort einige sehr nette Menschen vor, die ich schon von ihren Blogs kannte. Ich muss gestehen, ich habe den Channel im Alltagstrubel dann doch wieder aus den Augen verloren und erst durch diesen Post wieder daran gedacht.
Ich werde dort wohl mal wieder häufiger hereinschauen, vielleicht einfach etwas im Idle-Mode mitlesen und schauen, wie sich das so entwickelt. Beim ersten Einloggen wurde ich jedenfalls sehr nostalgisch.
Das Tolle ist doch aber: IRC lebt immer noch, nach all den Jahrzehnten. Schaut euch auf jeden Fall mal diese Doku bei YouTube an. Vielleicht sehen wir uns ja im UberBlogr-Channel, ich verspreche auch, dass ich keine Chatverläufe ausdrucken werde – alleine schon in Ermangelung eines Faxgeräts.