Podcast

Anchor.fm Podcaststudio in der Hosentasche

 

Das Produzieren, Konsumieren und Teilnehmen an Podcasts könnte endlich so einfach werden, wie die Bedienung von Instagram und Twitter. Dank Anchor.fm.

Dieser Text wurde am 19.10.2019 aktualisiert. Die Audiofassung besteht weiterhin in der Originalversion vom 24.07.2017.

Ich podcaste jetzt schon eine ganze Weile. Mein erster Podcast ging 2005 an den Start. Und seitdem wurde schon mehrfach der endgültige Durchbruch in den Mainstream ausgerufen und mindestens genauso auf der Tot des Podcasts heraufbeschworen.

Podcasts sind immer noch da und gerade hypen sie wieder so ein bisschen vor sich hin. Die Probleme sind aber seit etwa 15 Jahren die selben geblieben: Das Bereitstellen ist zu fummelig.

Der "herkömmliche" Podcast

Als ich mit Internetradio angefangen habe, da gab es noch keine iPods und auch keine Podcasts. Man musste auf die entsprechende Webseite gehen und da konnte man sich dann eine Audiodatei runterladen, brauchte den passenden Player und dann konnte man sich die Folge anhören. Radio On Demand hieß das früher.

Dann kam der geheime Siegeszug von RSS. Noch so eine Sache, die seit Jahren immer wieder beerdigt wird, die aber weiterhin massenhaft Dienste antreibt, ohne dass die meisten User was davon bemerken. Aber gut. Jedenfalls kam RSS ins Spiel und aus Radio On Demand wurden Podcasts. Man abonnierte diese Podcasts über einen RSS-Feed oder über iTunes, was nichts anderes macht, als im Hintergrund still und heimlich einen RSS-Feed zu abonnieren.

Man hat also diesen Feed abonniert und dann lädt der Podcatcher, so nennen sich die Programme, mit denen man Podcasts abonnieren kann, die neuste Folge runter.

Der erste große Hype kam 2005 als iTunes aufsprang und Podcasts integrierte.

Über die Jahre gab es immer mehr Podcasts, das Thema blieb aber immer ein bisschen Nische und irgendwie auch ein bisschen nerdig.

Was nicht unerheblich daran liegt, dass es nun mal seit 15 Jahren unnötig kompliziert ist, einen Podcast zu publizieren. Wir lassen mal ganz außen vor, dass ein gut gemachter Podcast auch verdammt viel Zeit in der Produktion benötigt. Das überspringe ich an dieser Stelle mal. Es geht mir diesmal nur um die Bereitstellung des Podcasts.

Um zu verstehen, warum das so kompliziert ist, hier eine kleine Erklärung, wie Podcasts technisch funktionieren:

Schwierigkeiten der Bereitstellung

Sieht einfacher aus, als es ist…

Wer einen Podcast hören möchte, der muss dessen RSS-Feed abonnieren. Ein RSS-Feed, das ist eine XML-Datei, im Grunde eine Textdatei, die auf eine bestimmte Art und Weise, ähnlich wie eine HTML-Datei, formatiert ist. Sie ist so aufgebaut, dass sie maschinenlesbar ist. Man kann sie sich zwar ansehen, aber dazu ist sie nicht gedacht.

Die XML-Datei muss auf einem Server hinterlegt und öffentlich erreichbar sein. Man kann diese XML-Datei nun in einem Podcast-Verzeichnis, zum Beispiel bei iTunes, einreichen. Der Service liest die Datei aus und damit taucht der Podcast im iTunes-Store auf.

Ein potentieller Hörer kann nun im iTunes-Store auf den Podcast stoßen. Da im RSS-Feed auch alle Folgen und ihre wichtigsten Informationen hinterlegt sind, kann er sich einen Überblick über den Inhalt verschaffen. Das Coverbild, welches auch im RSS-Feed festgelegt wird, sieht professionell aus und das Thema klingt interessant. Also abonniert er den Podcast.

iTunes merkt sich damit die URL des RSS-Feeds. Sie wird quasi im Programm des Hörers abgelegt und dann in regelmäßigen Abständen aufgerufen. Ab diesem Zeitpunkt ist der iTunes-Store aus dem Spiel. Alles Weitere passiert ausschließlich auf dem Computer (oder Telefon, oder Tablet) des Hörers. Immer wieder schaut iTunes nach möglichen neuen Folgen und sobald eine neue Folge im RSS-Feed auftaucht, lädt iTunes die verknüpften Audiodateien runter. Der Hörer kann sie sich anhören.

Das Problem

Das klingt alles nicht so kompliziert, ist es auch nicht, solange man nicht publizieren will. Wer das aber will, der braucht zunächst einmal eine Möglichkeit seinen Podcast irgendwo anzubieten.

Gehen wir mal davon aus, dass die Podcasterin bereits ein Blog hat und nun auch einen dazugehörigen Podcast starten will. Der soll natürlich unter der URL erreichbar sein, unter der auch ihr Blog zu finden ist.

Sie benutzt WordPress. Sie könnte nun einfach im Blog eine Kategorie für ihre Podcasts anlegen. WordPress erzeugt schließlich automatisch einen RSS-Feed für alle Blogposts. Das Problem ist nur, dass dieser RSS-Feed nicht so richtig podcast tauglich ist. Einige wichtige Informationen fehlen.

Sie braucht also ein spezielles Podcast-Plugin. Das erzeugt den speziellen Podcast-Feed. Wenn sie Glück hat, hat sie ein Plugin erwischt, was ihr ungefähr sagt, wie viele Leute ihren Podcast hören. Solche Informationen liefern iTunes und Co nämlich nicht. Können sie technisch bisher gar nicht.

Nach einigen Folgen bemerkt sie, dass die Downloads ihrer Folgen ziemlich lange dauern. Das liegt daran, dass die meisten Hoster nicht für Podcasts ausgelegt sind. Sie sind darauf ausgelegt normale Webseiten auszuliefern und keine großen MP3-Dateien. Außerdem wird ihr Speicherplatz langsam knapp. Denn ihre Podcasts sind pro Folge eine Stunde lang und in sehr guter Tonqualität hinterlegt, das ist ihr wichtig.

Sie muss also für ihre Folgen einen Post auf der Webseite anlegen. Die produzierte Audiodatei hochladen. Sie braucht einen speziellen RSS-Feed für ihren Podcast. Damit Hörer ihren Podcast finden, muss sie ihn bei diversen Diensten registrieren. Wenn sie ein Coverbild haben will, muss dieses Bild verschiedene Kriterien erfüllen. Sie sollte dafür sorgen, dass ihre Downloads schnell genug sind. Und nur, weil ihr Feed bei iTunes auftaucht, heißt das noch lange nicht, dass er auch in anderen Apps auftaucht.

Wenn sie das alles geschafft hat, weiß sie immer noch nicht, ob und wie viele Hörer sie hat. Und es ist verdammt schwierig diese Hörer zu mobilisieren, Feedback zu geben.

Das führt nun dazu, dass viele vorm Podcasten zurückschrecken. Vielleicht haben sie tolle Ideen und eine gute Stimme. Aber die Technik ist zu kompliziert. Das schreckt ab.

Podcasten mit Anchor.fm

Nun kommt Anchor.fm mit Version 2 der Plattform, die ich ehrlich gesagt schon beerdigt hatte. In Version 1 habe ich absolut keinen Mehrwert gesehen. Man konnte übers Telefon Audio aufnehmen und wer einen in der App abonniert hat, konnte sich das anhören und Antworten. Das war’s. Doch mit der Version 2 ist etwas passiert, das hat mich umgehauen.

Anchor ist mit der neuen App zum Podcast-Produktionszentrum geworden. Die Aufnahme eines Podcasts, sogar von Interviews, ist so einfach geworden wie ein Telefonat. Wer den eigenen Kanal aufwerten will, kann Spotify verbinden und Musik einbinden. Wer professioneller rangehen will, kann vorproduziertes Audio hochladen, auch über den Browser.

Hörer können über ihr Telefon ebenfalls ganz einfach Feedback geben, über ein Call-In. Sie können den Podcast-Channel quasi anrufen und eine Sprachnachricht hinterlassen. Auf einmal hat man ein komplettes Produktionsstudio in der Hosentasche. Und nicht nur das, Podcasts sollen künftig auch via RSS-Feed z.b. nach iTunes ausgespielt werden. Die Anmeldung bei iTunes übernimmt ebenfalls Anchor.

Spotify kauft Anchor

Im Februar 2019 dann die überraschende Nachricht: Spotify hat Anchor.fm gekauft. Damit will der Streaming-Dienst sich noch stärker im Bereich Podcast platzieren. Zeitgleich kaufte Spotify auch Gimlet Media, einen der größten und bekanntesten Produzenten von Podcasts.

Das Ziel ist ganz klar: Mehr Podcasts in Spotify und deshalb will man es den potenziellen Podcastern so einfach wie möglich machen.

Einen Podcast mit Anchor fm starten

Wer gerade erst mit dem Podcasten beginnen will, hat es besonders leicht mit Anchor. Um loszulegen bedarf es natürlich eines Kontos, das kann man sich kostenlos anlegen. Ob auf der Webseite oder in der App ist ganz egal, das ist das Schöne an Anchor, als Podcaster sind wir da sehr flexibel. Dennoch liegt der Fokus aber (noch) ganz klar auf der App.

iOS App Android App

Ein Konto erstellen

Das Erstellen eines Kontos bei Anchor fm ist einfach und selbsterklärend. Du erhältst sogar eine ziemlich gute Übersicht über die App. Darauf werde ich deshalb nicht genauer eingehen. Sobald du inder App bist, solltest du dir ein paar Dinge ansehen:

Andere Podcasts finden

Bevor wir mit einem eigenen Podcast loslegen, schauen wir uns erst einmal an, was andere so treiben. Dazu gibt es den Discover Screen. Dort kanns du nach anderen Podcasts ausschau halten, so wie du es vielleicht schon von iTunes und Spotify gewohnt bist.

Anchor.fm war von beginn an auf Interaktionen ausgelegt, das merkt man sofort. Wählst du einen Podacst aus und spielst eine Episode ab, kannst du im Laufe der Folge applaudieren oder sogar eine Sprachnachricht hinterlassen. Diese Sprachnachrichten können dann im Podcast eingespielt werden, toll für Hörerfeedback und Q&A Sessions.

Podcasts in der Anchor App
Podcasts in der Anchor Android App

Im letzten Screen siehst du, wie Feedback gegeben werden kann. Schnell und einfach durch einen Klick auf den Applaus-Button oder - etwas versteckter - unten über den Punk "Nachricht". Dort kannst du dann eine Sprachnachricht aufnehmen.

Segmente aufnehmen

Deinen Podcast füllst du mit Segmenten. Du hast die Möglichkeit etwas einzusprechen und als Segment zu speichern. Das kannst du mehrfach machen, du musst also deinen Podcast nicht unbedingt am Stück aufnehmen. Bist du fertig, kannst du dann eine neue Podcast-Folge erstellen und dort die Segmente auswählen, die in einer Folge kombiniert werden sollen.

Den Podcast anreichern

Bei Anchor muss ein Podcast nicht nur aus Sprache bestehen, du kannst ihn mit allerlei Audiomaterial anreichen. Das beginnt schon nach der Aufnahme eines Segments. Sobald du fertig bist, bietet dir Anchor die Möglichkeit, eine Hintergrundmusik auszuwählen:

So nimmt man ein Segment auf

Um auch andere Elemente in deinen Podcast einzubinden, musst du dich etwas durchs Menü klicken. Du hast die Möglichkeit:

  • Aus deinen eigenen Segmenten zu wählen.
  • Aus den s.g. "Zwischenprogrammen" also kurze musikalische Schnipsel zur Auflockerung, zu wählen.
  • Aus den Geräuschen, das sind kurze "Plings" und andere Störer, zu wählen.
  • Aus den Songs. Hier kannst du Spotify-Songs auswählen, dazu brauchst du allerdings ein Spotify Premium Abo.
  • Aus den Sprachnachrichten deiner Hörerïnnen zu wählen.
So kannst du deinen Podcast zusammenstellen

Wie genau das mit der Musik in Deutschland funktioniert, weiß ich nicht so genau. Im Zweifel würde ich damit vorsichtig sein, damit es am Ende keinen Ärger mit der GEMA oder den Copyrightinhabern gibt.

Mit anderen aufnehmen

Du brauchst deine Podcast-Episoden nicht ganz alleine aufzunehmen, du kannst dir einfach andere Benutzer dazu holen. Dazu schickst du ihnen einfach einen Link. Wie bei einem Teleofnat könnt ihr nun miteinander sprechen und dieses Gespräch später im Podcast veröffentlichen.

Alleine oder mit Freunden aufnehmen

Statistiken

Wenn wir einen Podcast betreiben, wollen wir auch wissen, ob er überhaupt gehört wird. Dazu liefert uns Anchor einige Statistiken. Auf einen Blick können wir so sehen, wie oft eine einzelne Episode abgespielt wurde. Außerdem bekommen wir einen Statisitik, die uns über die zeitliche Entwicklung des Podcasts informiert.

Automatische Veröffentlichungen

Anchor nimmt uns einen haufen Arbeit ab, indem es unsere Podcasts automatisch auf diversen Plattformen veröffentlicht. Logischerweise bei Spotify, aber auch bei Apple, Google und Co. Dazu müssen wir gar nichts weiter tun. Nachdem der Podcast öffentlich ist, kümmert sich Anchor darum und liefert und schließlich alle relevanten Links.

Mein inaktiver Podcast bei Anchor.fm

Bei Spotify und Apple gibt es erweiterte Statistiken für Podcaster, dazu muss man allerdings die eigenen Podcasts "claimen", also nachweisen, dass es wirklich die eigenen sind. Ob das auch über Anchor geht, konnte ich bisher nicht rausfinden. Da Anchor den Feed in seiner Kontrolle hat, weiß ich nicht, ob und wie das möglich ist.

Eingeschränkte Kontrolle

Zum Schluss möchte ich noch kurz zu bedenken geben, dass man sich beim Erstellen einen Podcasts mit Anchor eben an diese Plattform bindet und nie genau sagen kann, welchen Weg dieser Dienst in Zukunft gehen wird.

Will man also auf Nummer sicher gehen und die volle Kontrolle über seinen Podcast behalten, sollte man sich überlegen, ob ein CMS mit Podcast-Plugin nicht die bessere Wahl ist. Allerdings ist damit das Podcasten natürlich nicht mal so eben schnell über das eigene Telefon möglich. Ich glaube deshalb, dass es für manch einen von uns (und für bestimmte Formate, wie z.b. einen kurzen Daily Podcast) besser geeignet ist, als alles selber machen zu müssen.

Kommentare

Die eigegebene E-Mail-Adresse wird vorm Speichern unwiderruflich verschlüsselt und dient nur zur Darstellung des Avatars. Mit dem Absenden stimmst du zu, dass die eingegebenen Daten gespeichert und in Form eines Kommentars dargestellt werden dürfen.