Ich bin ein schlechter Schwimmer

Ich sitze hier auf meinem Plateau und schaue herab. Ich höre es rauschen. Nach oben ist noch Luft, ein wenig noch, aber der Aufstieg schwer, wenn überhaupt möglich.

Photo by stein egil liland: https://www.pexels.com/photo/waves-crashing-2419009/

Unten schlagen sie schon an den Fels, die Wellen. Ich sehe Mensch und Tier im Wasser treiben, sich an Stämmen und Geäst klammern. Sie treiben langsam davon. Um mich herum sehe ich weitere Felsen. Überall sitzen Menschen, die einen höher als die anderen. Alle sind ziemlich beschäftigt. Mit Dingen. Wichtige Dinge, keine Frage.

Auf dem Wasser, von hohen Wellen durchgeschüttelt, ein paar Schiffe. Sie versuchen, die Ertrinkenden aufzulesen. Es sind viel zu wenig Schiffe. Immer, wenn sie wieder ein paar Menschen an Bord gezogen haben, steigt der Pegel ein wenig an und weitere Menschen rutschen von ihren Felsvorsprüngen ins Wasser. Das Rauschen wird lauter.

Ich bin ein schlechter Schwimmer.

Als Kind wollte ich Umweltschützer werden. Ich gründete ein Greenteam. Wir wollten die Umwelt retten und sammelten Müll und nahmen Wasserproben, um den pH-Wert zu messen. Die Sommer waren warm, aber nur an wenigen Tagen richtig heiß. Wir hatten einen kleinen aufblasbaren Pool im Garten. Geschwommen bin ich nie gerne, geplanscht habe ich schon.

Heute sind die Sommer heiß. Sehr heiß. Die Swimmingpools dürfen in vielen Regionen in Deutschland nicht mehr gefüllt werden; es gibt zu wenig Wasser. Zu wenig Wasser?! Das war doch nie etwas, um das wir uns hier Sorgen gemacht haben. Das waren doch immer die armen Menschen, die in Anderswo lebten.

Die Pools bleiben trocken. Die Gärten verdorren und dort, wo früher exakt getrimmter, grüner Rasen sich deutsch zum Himmel reckte, bestaunt man nun staubig braune Stacheln.

Apropos braune Stacheln. Braun ist wieder angesagt. Angestrichen zwar in bunten Farben, aber der Lack lässt sich leicht abkratzen und zum Vorschein kommt brauner, verrosteter Stahl. Angefressen sind sie, dass man ihnen so wenig zuhört, während sie den Diskurs bestimmen. Wütend sind sie, auf "die da oben" und wollen deshalb "die da unten" loswerden. Dorthin zurückschicken, wo nichts mehr ist, nichts mehr wächst, nichts mehr steht, nichts mehr fließt.

Ich bin ein schlechter Schwimmer.

Und auch wenn ich als großer, blonder, deutscher Mann auf der Straße noch wenig Angst haben muss vor denen, die meinen, das Land von rechts aus retten zu müssen, ist das doch nur eine Frage der Zeit. Ich habe Freunde in gleichgeschlechtlichen Beziehungen, ich äußere mich kritisch, ich glaube an den Klimawandel, ich bin linkgrün versifft und spiele in einer IndiePunk-Band.

Und während ich mit vielen anderen auf die Straße gehe, demontieren die Braunen weltweit die Gesellschaften und Demokratien. Sie hassen diejenigen, die ihnen angeblich ihren Wohlstand nehmen, indem sie ins Land kommen. Dabei werden sie in Wirklichkeit von ganz anderen Menschen beklaut, von Menschen, die ohnehin schon unfassbar viel haben.

Diese Menschen geben uns Werkzeuge an die Hand. Werkzeuge, von denen wir nicht wussten, dass wir sie benötigen. Sie sprechen von Intelligenz. Sie sagen, wir müssen aufpassen, dass uns diese Intelligenz nicht einmal überrumpelt! Wir brauchen Regularien! Und arbeiten dann weiter am Überrumpeln.

Diese Tools sollen uns das Leben leichter machen. Sie können so Vieles! Texte schreiben, Bilder generieren, Videos erzeugen. Und ist das nicht auch alles unfassbar praktisch?! Und lustig! Schau nur: Ich als Katze! Witzig! Und auch dort der Bundeskanzler, wie er … Moment mal! Was macht er da?! Ist das echt?

Diese neuen Werkzeuge, was sie nicht alles können! Eigentlich sind wir uns darüber gar nicht so sicher. Unsicher sogar. Denn sie sorgen für Unsicherheit. Ist das Bild echt? Das Video fake? Dieser Text von einem Menschen geschrieben? Ist dieses zusammengefasste Suchergebnis wirklich die korrekte Antwort auf meine Frage, oder herbeifantasiert?

Ich bin ein schlechter Schwimmer.

Und während wir immer weniger wissen, was wir eigentlich noch glauben sollen, kommt schon das nächste Update und kann noch mehr, oder irgendwas anders oder … so ganz genau wissen wir das auch nicht, aber probiert es ruhig aus! Haut rein eure Prompts!

Ob diese Unternehmen ihre "KIs" schon mal gefragt haben, wie sie das mit dem Energieverbrauch hinbekommen? Wie würde da der Prompt lauten? Und wie viel Wasser würde das verbrauchen? Wasser, das wir bald nicht mehr in ausreichenden Mengen haben.

Es wird immer heißer. Und die Ironie ist: Die Stadt, in der ich lebe, wird deshalb zu einem großen Teil überflutet werden. Denn obwohl das Trinkwasser langsam knapp wird, steigt das Meer. Es gibt Karten, auf denen man sehen kann, welche Teile meiner Heimatstadt dann noch bewohnbar sind. Das ist ein Problem, denn:

Ich bin ein schlechter Schwimmer.

Und getan wird zu wenig. Erfolge gehen unter in den ewig laufenden Hiobsbotschaften. Deren Pegel steigt alarmierend an. Grenzkontrollen in Europa, Krieg, Aufrüstung.

Man möchte laut schreien: VERDAMMT NOCH MAL! DAS KANN DOCH ALLES NICHT WAHR SEIN! SEHT IHR DAS DENN NICHT?! WIE KANN MAN DAS DENN ALLES NICHT SEHEN?!

Und von den Booten und Schiffen aus rufen sie: SEHEN WIR DOCH! SEIT JAHREN! SCHAU DOCH, WIE WIR TUN, WAS WIR KÖNNEN! WIR HABEN SO OFT GEWARNT! WIR HABEN SO VIELE AUS DEM WASSER GEZOGEN! ABER DIE WELLEN WERDEN IMMER GRÖßER UND KOMMEN IMMER SCHNELLER!

Und von drüben rufen sie: WIR WÜRDEN JA! ABER DIE WIRTSCHAFT! ABER WIR MÜSSEN ERSTMAL REDEN! WIR MÜSSEN ERSTMAL PRÜFEN! UND WIR HABEN JA AUCH NOCH EIN BISSCHEN LUFT!

Nein, man! Da ist keine Luft mehr! Die Ersten treiben schon da hinten! Ich sehe sie kaum noch! Weit weg sind sie, aber doch trotzdem da! Und hier, der Pegel, der steigt! Schon lange habe ich nasse Füße! Warum seht ihr das denn nicht? Oder wollt ihr nicht?

Ich bin ein schlechter Schwimmer. Und der Pegel steigt. Und ich tue, was ich kann, aber alleine ist das zu wenig. Und so bleiben mir noch meine Texte; unsere Texte. Wie kleine Leuchtfeuer, Signale gar, die auch von den anderen Felsen zu sehen sind und die uns verbinden und vernetzen können.

Aber ich bin ein schlechter Schwimmer und der Pegel steigt, und solch ein Text, der rettet nicht die Welt, der beruhigt nur mein Gewissen für ein paar Momente.

Noch ist etwas Luft da, bis uns das Wasser bis zum Hals steht. Was machen wir jetzt? Was? Warten?

Ich bin ein schlechter Schwimmer und mir läuft es eiskalt den Rücken runter, während draußen die Welt brennt und die Wellen an meinen Fels branden.

 

 

 

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