Faszination Papier

Faszination Papier

Da sind wir nun angekommen im digitalen Zeitalter. Wir verschicken täglich etliche E-Mails, schreiben Nachrichten, beobachten auf Facebook, was unsere Freunde so treiben und finden uns auf Bildern in WasauchimmerVZ wieder. Wir bloggen und wir twittern, wir benutzen fleißig Tumblr und geben mit der neuen Digitalkamera auf Flickr an. Wir meckern über die journalistischen Qualititäten so mancher Journalisten. Regen uns über die Inhalte der Tagesthemen und des Heute-Journals auf. Wir machen uns über das Fernsehprogramm lustig und erklären kurzerhand Print für tot. Und dann werfen wir all das über Bord.

Wir fühlen uns als Generation missverstanden. Haben das Gefühl, die Politik übergeht uns, versteht kein Wort von dem, was wir sagen. Wir fühlen moralisch denen überlegen, die noch für Zeitungen schreiben und wissen schon heute, dass das Buch aussterben wird und durch ein digitales Äquivalent ersetzt wird.

Und dann?
Dann setzen wir uns hin, schalten den Fernseher ein und gucken “gemeinsam” das Programm, über das wir uns so aufregen. Wir rechtfertigen das damit, dass wir gemeinschaftlich darüber twittern. Wir regen uns über die Nachrichtensendungen auf und schalten diese dann ein, weil es sein könnte, dass wir darin zu sehen sind. Da wird dann aus Klamauk auf einmal eine politische Bewegung; und alle so Yeaaah!

Wir regen uns über Talkshows auf und gucken sie dann, weil da jemand mit einem roten Iro sitzt. Und wenn wir uns dabei ertappen, dann regen wir uns halt auch noch über den Iroträger auf.

Wir lächeln müde über die Tageszeitungen. Twittern und bloggen aber wie die blöden darüber, wenn mal einer aus unseren Reihen darin erwähnt wird. Dann wird stolz die Zeitung gekauft und der Artikel ausgeschnitten und eingescannt. Dann ist es auf einmal egal, dass dieses alte Medium von uns zum Tode verurteilt wurde, dann ist es auf einmal etwas Besonderes darin zu stehen. Manchmal werden wir sogar selber zum Printler.

Wir lesen lieber digital in Blogs und auf anderen Webseiten. Aber wenn jemand von uns ein Buch schreibt, dann stürzen wir uns darauf, halten es hoch und ringen um Aufmerksamkeit. Dann werden wir zu kleinen Kindern, die ewig lange nach Mutti rufen, um ihr ein Kunststück zu zeigen. “Jetzt guck doch mal, Mama. MAMA! GUCK DOCH MAL!” Dann haben wir es denen aber gezeigt, den Erwachsenen, eeh altmodischen Printlern.

Wir sind ein ziemlich ambivalentes Völkchen. Wir wissen manchmal selber nicht so genau, was wir wollen. Das ist okay. Das zeigt nur, dass wir kein bisschen besser sind als andere.

Ich benutzte Twitter, ich blogge, ich habe ein Konto bei Flickr, ich baue Webseiten und lese Nachrichten im RSS-Reader. Und trotzdem habe ich Zeitungen und Zeitschriften abonniert, zu wenig Regal für zu viele Bücher und war stolz wie Bolle, als ich mit einer Handvoll Leuten ein Printmagazin auf den Markt geworfen habe.

Ich mag die Online-Welt. Und ich mag Print. Ich mag das Knistern der Zeitungsseiten beim Umblättern. Ich mag es die Seiten zu knautschen, wenn ich auf dem Sofa sitze, in einer Hand die Zeitung in der anderen einen Becher Tee. Ich liebe es in Bücher zu versinken und alles um mich herum zu vergessen; das Buch wegzulegen und mich erstmal orientieren zu müssen, manchmal sogar nach Fassung zu ringen.

Ich mag es auch, dass ich online mit wenigen Handgriffen so viel erschaffen kann; dass ich als Webentwickler ganz schnell meine eigenen Tools bauen kann. Das ich fast ohne Kosten zum Publizisten werden. Dass ich so schnell Kontakte aufbauen kann.

Ich bin auch ambivalent. Macht aber nichts.

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